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Peter Cohen (2009), The Naked Empress. Modern neuro-science and the concept of addiction. Presentation at the 12th Plaform for Drug Treatment, Mondsee Austria, 21-22 March 2009. Organised by the Österreichische Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkranken OEGABS. Übersetzung aus dem Englischen: Dr. Kai Bammann, Zeven, kbammann@t-online.de. Published as: Peter Cohen (2009), Die nackte Herrscherin. Die moderne Neurowissenschaft und das Konzept der Abhängigkeit. Wiener Zeitschrift für Suchtforschung, Jg. 32, Nr. 3/4, Seite 61-70.
© Copyright 2009 Peter Cohen. All rights reserved.

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Die nackte Herrscherin

Die moderne Neurowissenschaft und das Konzept der Abhängigkeit [1]

Peter Cohen

Relativement a toute autre forme don’t il s’écarte ce vivant
est normal, même s’il est relativement rare’

Georges Canguilhem (19) [2]

Zusammenfassung

Sucht ist, wie verzaubert oder besessen zu sein, ein Konzept, das das aus einer Mischung aus Populärkultur und Wissensmangel entstanden ist. Das verbergen von mangelndem Wissen ist ein wesentlicher Teil der kulturellen Funktion von Experten. In diesem Artikel beleuchte ich einen der Suchtexpertenstämme, den der Neurowissenschaftler. Diese „sehen“ und „erklären“ Sucht mit neurowissenschaftlichen Argumenten und Beobachtungen. Der Beitrag zeigt auf, wie diese Experten ein Set von Standardideen und Kausalattributionen die Sucht betreffend in einem neurowissenschaftlichen Jargon umformulieren. Ein Jargon, der erfunden und ad hoc zugeschnitten wurde, anpassungsfähig, wie ein Chamäleon und dazu verurteilt auszusterben, wie das theoretische Gebäude von Lombroso. Ich schlage als geeignetere Strategie zur Untersuchung von geringgeschätzten oder nicht akzeptierten Bindungen (Süchten) vor, menschliche Bindungen und Bindungsverhalten im Allgemeinen zu untersuchen. Die inadäquate Erkenntnistheorie im Umfeld der Neurowissenschaften fungiert als Barriere dagegen, unser Wissen über Bindungsverhalten und die vielen Nöte, die die menschliche Autonomie mit sich bringt, zu erweitern.

Schlüsselwörter

Sucht, Hirnkrankheit, Neurowissenschaft, MRI Scan, Bindung, Kultur, Individuum, Erkenntnistheorie

Einführung [3]

In diesem Beitrag werde ich einige der aktuellen Erscheinungsformen in der neurowissenschaftlichen Medikalisierung von „Abhängigkeit“ diskutieren, wobei aber meine Unzufriedenheit mit dem Konzept der Abhängigkeit und seiner Behandlung älter ist als diese Entwicklungen. So werde ich darstellen, dass dann, wenn es dem Konzept der Abhängigkeit an wissenschaftlicher Schärfe und Klarheit mangelt, jeder medizinische Ansatz zum Thema Abhängigkeit unter derselben Schwäche leidet. Mein größtes praktisches Problem bei der aktuellen medizinischen Beschäftigung mit dem Thema Abhängigkeit besteht darin, dass Menschen, die als abhängig diagnostiziert werden, in Bezug auf die Bewältigung ihres täglichen Lebens ohnmächtiger gemacht werden als andere medizinische Patienten. Suchtmedizin übernimmt und entscheidet darüber, welche Interventionen zu treffen sind, ausgehend von einer Vorstellung über Abhängigkeit, die die betreffende Person als unfähig ansieht, das eigene Leben selbständig zu organisieren.
Die medizinische Praxis auf dem Gebiet der Abhängigkeit spiegelt kulturelle Vorstellungen über Sucht wider und bestärkt einen repressiven und fremdbestimmten Umgang. Moderne neurowissenschaftliche Theorien tendieren nun dazu, diese repressive Einschätzung aufrecht zu erhalten oder gar zu verstärken, indem sie Abhängigkeit in eine Erkrankung des Gehirns umdeuten und damit zu einer ernsthaften geistigen Störung werden lassen. 

Mit dem vorliegenden Beitrag sollen die zugrunde liegenden Studien und Annahmen hinterfragt werden, die Abhängigkeit als eine Erkrankung oder Störung des Gehirns ansehen und es wird hierbei auch ein abweichender theoretischer Ansatz für „Abhängigkeit“ vorgeschlagen.

Zwei kurze einführende Beispiele mögen die Unterdrückungssituation auf dem Gebiet der Abhängigkeit illustrieren:

  • In einem Interview mit einem Suchtmediziner, der jahrelang in Amsterdam gearbeitet hatte,  beschwerte dieser sich darüber, dass die Kriterien für die Opiat-Versorgung in der Stadt viel zu restriktiv seien. Einwohnern Amsterdams, die regelmäßig und über 30 Jahre lang Opiate genommen haben werde weiterhin der Zugang zu legalen (rauchbaren oder intravenös zu verabreichenden) Opiaten verweigert. Sie dürfen Methadon erhalten, die Substanz allerdings, die sie bevorzugen, ist ihnen untersagt. Der genannte Mediziner beobachtet, dass die betreffenden Personen „vollständig in der Lage“ sind, ihren Drogenkonsum zu organisieren und zu kontrollieren. Sie sollten vom illegalen Handel befreit werden und in einem legalen Umfeld Zugang zu den Substanzen ihrer Wahl erhalten.
  • In einem Interview mit einer Langzeit-Drogenkonsumentin, Mitglied der „Amsterdam Junky Union“ mit mehr als 25 Jahren Suchtmittelerfahrung teilte diese Frau mit, dass ihre Kontakte zum medizinischen System auf ein Minimum beschränkt seien. Selbst wenn sie krank ist, vermeidet sie die Kommunikation mit dem System, weil diese ansonsten „übernehmen“ und sich in ihren Drogen benutzenden Lebensstil einmischen würden. Zugang zu Methadon oder legalem Heroin lehnt sie ab. Diese Frau bestreitet ihr Leben durch den Kauf und Verkauf von illegalen Drogen und es gelingt ihr dabei, die meiste Zeit außerhalb des Strafvollzugs zu bleiben. Einmal verlor sie beinahe durch eine Infektion ein Ohr, da sie das medizinische System so sehr fürchtete, dass sie zu lange zögerte und einer Behandlung fern blieb [4]. Dieses Beispiel soll nicht belegen, dass solch starke Befürchtungen und Vermeidungen ein typisches Verhalten bei intensiven Drogenkonsumenten in Amsterdam darstellen. Es ist nur die Illustration einer der Thesen in diesem Essay, dass Abhängigkeit dann, wenn sie diagnostiziert wird, die Betreffenden inkompetent erscheinen lässt, und dies weit mehr als erforderlich oder akzeptabel.

Ein ausdrücklicher Vorbehalt muss für einen in Amsterdam und andernorts wohlbekannten Typ des drogenkonsumierenden Klienten gemacht werden, der obdachlos, krank und unterernährt ist und der sehr ernsthafte Überlebensprobleme hat. Ein solcher Klient ist im Drogenbehandlungssystem deplatziert, da dessen hauptsächliches Problem nicht die Sucht ist.

Drei Achsen

Meine Kritik an der Arbeit von Neurologen und Neuropharmakologen auf dem Gebiet der Sucht ist entlang von drei Achsen organisiert:

  • Die erste und grundlegende Achse ist die Kritik am Konzept der Abhängigkeit selbst. Ich werde einen alternativen Weg vorschlagen, wie jenes Verhalten zu betrachten ist, dass gegenwärtig als  Abhängigkeit bezeichnet wird. Dies kann als normales menschliches Potenzial angesehen werden, nämlich das einer starken Bindung. Diese Bindung ist ein emotionaler Prozess, der ein Band schafft das sich nicht einfach durch den Willen wieder lösen lässt. Die menschliche Bindung kann sich auf eine große Vielzahl von verschiedenen Objekten beziehen, von Nahrung, Drogen, Ideen, Personen, Orten bis hin zu Musikinstrumenten und Tieren. Je stärker eine Bindung ist, desto mehr bedeutet sie dem Individuum und wird verteidigt, auch unter Bedingungen, die (extreme) negative Konsequenzen nach sich ziehen. Bindungen, ebenso besonders starke, sollten generell respektiert und nicht für illegitim erklärt werden. Bindung ist ein grundlegender und unausweichlicher menschlicher Hang, aber die Bezeichnung einiger Intensitäten (von Gefühlen, von Auswirkungen) oder von Objekten als abweichend oder als Abhängigkeit ist kulturspezifisch. Ich möchte hier den Begriff der „Phobie“ als einen Vergleich verwenden. Phobie ist das negative Gegenstück der Bindung, aber nicht weniger unentrinnbar und es ist nicht weniger schwierig, sich davon zu befreien. Die meisten Bindungen (Liaisons) und Phobien können akzeptiert und in das Leben integriert werden, solange nicht der Einzelne (oder die Gesellschaft oder beide) entscheiden, dass sie unerträglich geworden sind. Akzeptanz ist ein kultureller und politischer Prozess, der zu- oder abnehmen kann. Die Medikalisierung und Kriminalisierung einer „Abhängigkeit“ ist ein Weg, die Stufe der sozialen Akzeptanz von bestimmten Bindungen zu reduzieren, so wie zum Beispiel bei der Medikalisierung und Kriminalisierung der Homosexualität.
  • Die zweite Achse, die in einem Bezug zu erster steht und dennoch von dieser getrennt ist, basiert auf einem mehr erkenntnistheoretischen Ansatz. Dieser analysiert die Art, wie konventionelle Vorstellungen über Abhängigkeit in den Jargon der Neurologie oder die Sprache der Entwicklung neurologischen Wissens übersetzt werden. Meine These ist die, dass das menschliche Verhalten, welches als „Abhängigkeit“ zusammengefasst wird, von Neurologen nicht studiert wird, sondern dass die kulturellen Vorstellungen von Sucht in ihrer Gesamtheit als selbstverständlich genommen und dann in einer neurologischen Beschreibung derselben „bestätigt“ werden. Die Vorstellungen von Abhängigkeit, die von Autoren wie Volkov, Berridge, Gessa oder De Vries in die Sprache der Neurologie übertragen werden, sind komplett tautologisch.
  • Die dritte Achse kritisiert einige der Methoden, die dieser tautologischen Handlung zugrunde liegen. Ich werde zeigen, dass der Beweis für die Konstruktion des Verstehens neurologischer Prozesse hinter der „Abhängigkeit“ nicht existiert. Stattdessen sind alle neurologischen Prozesse, die gesehen, erkannt oder „entdeckt“ werden, genauso wissenschaftlich wie die Arbeiten von Cesare Lombroso (1835-1909). Lombroso und Menschen wie er präsentieren ein Modell, das zeigt wie historische Vorstellungen von Konzepten (wie Kriminalität, Sucht, Homosexualität) auf quasi wissenschaftlich biologische Charakteristika und ihre Messungen projiziert werden. In Lombrosos Fall war dies die „Craniometrie“. Sie schaffen die Illusion einer empirischen Strenge, z.B. durch die Präsentation von Bildern und Scans des Gehirns, färben diese auf eine bestimmte Art ein und entscheiden dann, dass diese (willkürlichen) Colorierungen „Beweise“ für die schon vorher bestehenden Vorstellungen darstellen. Hierbei findet keine Absicherung durch eine dritte Partei  statt und der Beweis ist nichts weiter als eine Interpretation in den Gedanken der Schöpfer dieser Bilder. So erscheint es, dass die Herrscherin nackt ist. Ferner werden Menschen, die in das System der Suchtbehandlung eintreten niemals mittels eines Scanners oder eines anderen neuro-bildgebenden Verfahrens diagnostiziert, weil es einfach unmöglich ist, „Abhängigkeit“ auf diese Weise zu diagnostizieren. Der Platz der Neurologie im Feld der Abhängigkeit ist rein post hoc. Neuro-Bildgebung stellt eine Form von Hokus Pokus dar, der nicht in Richtung einer besseren Diagnose zielt, sondern in die Richtung,  eine neue wissenschaftliche und medizinische Begründung des Konzepts der Abhängigkeit vorzuschlagen.

Beispiele der neurowissenschaftlichen Nachweise von Sucht

Abhängigkeit ist ein Verhalten, das mit bestimmten Formen und Mustern verbunden ist. Dies kann Konsumieren (von Essen, Drogen) sein oder es kann sich in Aktivitäten bzw. Mitwirkungen (Spiel und Wette, Sexualität, Internetnutzung und -kommunikation) äußern. Ein essentielles Charakteristikum der „Pathologie“ besteht darin, dass Frequenz und Intensität des Verhaltens trotz negativer Konsequenzen aufrecht erhalten werden.  Die Kriterien der Intensität und Hartnäckigkeit, die ein Verhalten pathologisch machen, sind in DSM IV erwähnt. Das DSM IV erkennt 7 Kriterien der Abhängigkeit, von denen lediglich drei innerhalb einer Periode von 12 Monaten auftreten müssen. Damit ein Verhalten als Missbrauch gelten kann, definiert das DSM IV vier Kriterien, von denen eines innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten erfüllt sein muss. Alle diese Kriterien beziehen sich auf Verhaltensmuster oder Lebensweisen [5].

Eine fundamentaler Aspekt dieser Art von Definition ist, dass die Evaluation der Anwendbarkeit eines Kriteriums nicht durch das Mittel eines Labortests (wie z.B. bei einer Viruserkrankung) oder beständige Überwachung eines Zustandes (wie bei der Diagnose eines gebrochenen Knochens durch eine Röntgenaufnahme) erfolgt. Die Anwendbarkeit wird von den auf diesem Gebiet arbeitenden Experten beschlossen, basierend auf Geschichten über das Leben oder auf externen Charakteristika einer Person. Dieser Weg der Diagnose ist extrem subjektiv in einem Bereich kultureller und ideologischer Voreingenommenheit, der sich im Laufe der Zeit verändern oder auch insgesamt verschwinden kann [6].

Jemand der über Jahre täglich Opiate außerhalb des Kontextes einer medizinischen Behandlung konsumiert wird als abhängiger „Patient“ diagnostiziert. Aber jemand, der täglich Medikamente nimmt um seinen Cholesterin- oder Blutzuckerwert zu stabilisieren wird dies nicht. Der Unterschied liegt darin begründet, welche Art von Motivation hinter der Einnahme der Substanzen steht. Regelmäßiger nicht medizinischer Gebrauch von Opiaten wird als zwanghaft angesehen und zulässige Motivationen werden nicht zugestanden, während der Gebrauch anderer Medikamente in dem Sinne gesehen wird, dass hierfür ein „legitimer“ Grund besteht. So wird eine Frau die immer wieder auf die Pferderennbahn geht, sich Geld zusammenleiht um zu wetten, dabei ihren mütterlichen Verpflichtungen nicht nachkommt, als wett-/spielsüchtig diagnostiziert. Eine Frau, die sich tief in Liebe mit Pferden verbunden fühlt, ihr Leben diesen „herrlichen“ Tieren widmet ist aber nicht süchtig nach dem Sattel [7]. Oder ein Mann, der seine Frau und die Kinder verlässt um eine militärische Karriere zu machen, schwierige und möglicherweise tödliche Gefahren als Soldat hinnimmt und sucht, wird nicht als süchtig nach der Gefahr oder dem Töten diagnostiziert. Und jemand der sich entschieden hat ein Musikinstrument zu spielen, Tag für Tag in einem Ausmaß, dass keine Zeit mehr für andere „normale“ Aktivitäten verbleibt, wird nicht als süchtig nach der Violine diagnostiziert, sondern er wird vielmehr als Künstler bezeichnet. Und, um diese Reihe von Beispielen zu beenden, ein Mensch der darauf besteht, einer Freiheitsidee treu zu bleiben, der als Mitglied der Widerstandsbewegung, wie während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg in den Niederlande, alliierte Piloten oder Waffen versteckt, wird nicht als süchtig nach einer Freiheitsidee angesehen, trotz der realen Gefahr exekutiert oder inhaftiert zu werden. Der Unterschied besteht in den verschiedenen Typen der Motivation. Einige Motivationen werden als freiwillig angesehen während andere dies vorgeblich nicht sind.

Alle Beispiele, die hier vorgestellt wurden, implizieren eine Wahlmöglichkeit, die Entscheidungsfreiheit etwas trotz negativer Konsequenzen fortzusetzen. Die beschriebenen Entscheidungen werden aufgrund einer starken Bindung an die Aktivitäten beibehalten. Alle haben negative Konsequenzen, aber einige werden als abweichend angesehen, andere als „normal“. Die Bindung von jemandem, der abhängig von einer „abhängigmachenden Aktivität“ ist, gilt per definitionem als pathologisch weil die Bindung nicht durch den Willen aufgegeben werden kann. Aber ist dies bei anderen Bindungen der Fall?

In den Augen von Kalivas und Volkov (2005) ist „die aus dem Verlangen folgende beeinträchtigte Fähigkeit von Abhängigen, die Suche nach Drogen zu unterdrücken,  selbst wenn sie mit erheblichen nachteiligen Konsequenzen konfrontiert sind, wie z.B. der Inhaftierung“ ein zentrales Charakteristikum dessen, was sie als motivationale Pathologie ansehen. Das Verlangen ist unkontrollierbar: „ist eine Person einmal süchtig, entspringt das unkontrollierbare Verlangen sich Drogen zu beschaffen und die folgende Rückfälligkeit aus einer pathologischen Form der Plastizität in excitatorischer Transmission“ (2005, S. 1403) aufgrund, wie sie es ausdrücken, einer Art Form von neuraler Dysfunktion. Solche Dysfunktion wird aber nicht diagnostiziert, wenn eine Person nicht ohne ihren Partner, ihre Violine oder ihre Katze leben kann und sich beklagt, wenn diese Bindungen einmal unterbrochen sind [8]. Und ich stelle nicht einmal die Frage nach der Wahrhaftigkeit der Bemerkung, dass die ganze Zeit über das „Verlangen unkontrollierbar ist“. Abhängige, die ich interviewt habe, stimmen die Verwendung ihrer Substanz häufig nach den Umständen, dem Rahmen und der Verfügbarkeit ab, und haben eine große Varianz bei der Kontrolle von Dosis und Frequenz. „Unkontrollierbakeit“ ist eine zentrale Konstruktion innerhalb des Konzepts der Abhängigkeit obgleich es zu einem bestimmten Grad ein Charakteristikum der meisten Bindungen ist und gewiß jener, die stark sind. „Unkontrollierbarkeit“ mag ebenso subjektive Gefühle der Inkompetenz, jemandes Leben in andere Bahnen zu steuern zusammenfassen, wenn Menschen in Abstinenz gezwungen werden  („lebendige Erfahrung“, wie Reinarman sagt [9]).

„Die extremen Schwierigkeiten von Süchtigen, dem Verlangen zu widerstehen, Drogen mißbräuchlich zu benutzen ist in stimulierenden Synapsen codiert“ (Kalivas and Volkov, 2005 ebd.), aber die extreme Schwierigkeit dabei, keine alliierten Piloten zu verstecken und ausländischer Herrschaft zu unterliegen ist dies nicht? Kalivas und Volkov definieren „Abhängigkeit im Endstadium“ als „überwältigendes Verlangen, die Droge zu beschaffen, eine schwächer werdende Fähigkeit die Suche nach Drogen zu kontrollieren und ein reduziertes Genießen von biologischen Belohnungen.“ (ebd.) Aber eine solche Beschreibung kann genausogut auftreten bei einer Inhaftierten, die verliebt und voller Sehnsucht nach dem Geliebten ist, den sie vermisst und dabei andere Aktivitäten und „biologische Belohnungen“ aufgibt. Wenn überwältigendes Verlangen danach, sich mit dem Objekt der Begierde zu verbinden oder weiterhin damit verbunden zu sein, als „Abhängigkeit im Endstadium“ zu sehen ist, dann sind die meisten gesunden Menschen an einem gewissen Punkt in ihrem Leben oder die ganze Zeit über im Endstadium abhängig. 

Kalivas und Volkov behaupten ebenso, dass „das hauptsächliche Verhaltensmerkmal von Drogenabhängigkeit in einer fortdauernden Anfälligkeit für Rückfälle nach Jahren der Abstinenz von der Droge besteht“ 2005, S. 1410). Aber meine Fähigkeit, ein Fahrrad zu fahren, nachdem ich jahrelang ein Auto gefahren bin, ist dann kein Rückfall? Könnten wir uns nicht vorstellen, dass die „Anfälligkeit für Rückfälle“ eine Antwort auf Gegebenheiten ist,  in welchen früher erlerntes Verhalten eine funktionelle Relevanz gezeigt hat? In Situationen der Angst und Furcht wieder mit dem Rauchen anzufangen mag nichts anderes sein als die Anwendung von früheren Lektionen in erfolgreicher Anpassung an Stress. Die Beschreibung solchen Verhaltens als neurale Adaption ändert dieses nicht. Weiterhin wäre ich, würde ich ein Fahrrad finden, nicht in der Lage rückfällig zu werden, Fahrrad zu fahren, wenn ich nicht vorher schon einmal gelernt hätte, Fahrrad zu fahren. Der Terminus „Rückfälligkeit“, wie er von Suchtexperten verwendet wird, bezieht sich einfach auf eine allgemeine Fähigkeit von Menschen, erlerntes Verhalten unter bestimmten Bedingungen anzuwenden, auch dann wenn das ursprüngliche Erlernen schon eine lange Zeit zurück liegt. Wenn das Verhalten nicht stigmatisiert ist, wird es nicht als „Rückfall“ betrachtet, wird es das aber, so ist es stigmatisiert.

Es ist deutlich, dass Kalivas und Volkov etablierte Sichtweisen darüber haben, was Abhängigkeit ist (unkontrollierbares Verlangen, Rückfälligkeit, Fortsetzen des Drogenkonsums unabhängig von negativen Konsequenzen). Diese Sichtweisen sind nicht das Resultat ihrer Forschung auf dem Gebiet der Neurologie, sie gehen dem voraus. Das Lesen neurologischer Daten beabsichtigt nicht, konventionelle Ideen über „Abhängigkeit“ in Frage zu stellen, es ist vielmehr auf ihren Nachweis gerichtet. Später werden wir versuchen zu begründen, ob diese Nachweise einen Wert haben.  

Lassen sie uns diese Exkursion in das Neuro-Abhängigkeits-Land mit einem anderen Autor fortsetzen, Gian Luigi Gessa, Professor der Pharmakologie in Cagliari, Italien. Wir sehen hier den gleichen Mechanismus des Hineinlesens von vor-etablierten Sichtweisen über menschliches Verhalten in neurologische Daten. „Die Droge erlegt demjenigen, der abhängig ist, das Fortsetzen der Injektionen, des Sniefens oder Rauchens bis zum letzten Milligramm auf. Oder bis zum physischen Abbau, Überdosis oder Tod.“ (Gessa 2008, S. 74)

Aber ein Mann, der wiederholt den Mont Blanc oder den Mount Everest besteigt, Ferien für Ferien selbst unter schlechten und entkräftenden Wetterbedingungen, dabei nicht auf seine weinende Ehefrau hört und dies eines Tages mit Amputationen oder durch den Tod bei der Besteigung bezahlt wird nicht als ein rückfälliger Abhängiger beschrieben. Bei Bergsteigern wird die Hingabe zu ihrer Aktivität auf eine andere Weise konstruiert. Gessa sagt, der Neurobiologe „behauptet dass die Biografie des Abhängigen eine biochemische und funktionelle Änderung in speziellen neuronalen Systemen repräsentiert, hervorgerufen durch den kontinuierlichen Gebrauch der Droge, die ihn dazu zwingt sich selbst unter Droge zu setzen“. (ebd. S. 59). Gessa spricht von Zwang („force“) und folgt der hauptsächlich kulturellen Sprache über Abhängigkeit, wo der Wille der Person im Laufe der Zeit Veränderungen in den „neuralen Systemen“ unterliegt. So mag die Fortsetzung eines erlernten Verhaltens in den Augen und den Erfahrungen des betreffenden Menschen funktional sein, weniger aber in den Augen eines Außenstehenden. Wer von ihnen hat recht? Wir kennen Menschen, die verheiratet bleiben auch wenn es – in den Augen eines externen Betrachters – eine sehr schlechte Ehe ist. Wer spricht dann von einer anhaltenden „neuralen Änderung“ als Basis für die fortgesetzte Ehe? Aber auch dann, wenn eine Person einzelne Verhaltensweisen selbst als contraproduktiv ansieht, wird dies nicht notwendigerweise als Abhängigkeit angesehen. Es mag als Unfähigkeit angesehen werden, als tief verwurzelte Gewohnheit oder unglückliche Adaption. Es hängt alles davon ab, welches Verhalten wir diskutieren, nicht vom Gehirn.

Gessa stellt einen langatmigen Überblick über diverse neue technische Möglichkeiten wie bildgebende Verfahren (PET, SPECT und fMRI) vor, mit denen das Gehirn in seiner Tätigkeit beobachtet werden kann,. Und er bietet Hypothesen über Verhalten an, basierend auf diesen in den Kinderschuhen steckenden Techniken: „wiederholter Konsum von Kokain produziert im Areal der Stimulation von dopaminergen Neuronen anhaltende funktionale Veränderungen, von denen angenommen wird dass sie das neurobiologische Substrat sind, auf dem die Symptomatik der Abhängigkeit gelagert ist.“ (Gessa 2008, S. 109). Wir sehen wieder einmal wie das Modell des abhängigen Verhaltens von Menschen, die niemals Experten auf dem Gebiet (oder Teilen davon) des menschlichen Verhaltens waren, in die Sprache der Neuropharmakologie transformiert wird.   

Taco de Fries, ein niederländischer Verhaltens-Neuro-Wissenschaftler, sagt in ähnlicher Sprache, dass „diese durch Drogen erfahrenen Effekte dergestalt sind, als wäre dies eingemeißelt in das Gehirn und sie so die Kommunikation zwischen den Gehirnzellen dauerhaft verändern. Eines der betroffenen Gehirnareale ist der präfrontale Kortex, der in die Entscheidungsgewinnung   und bei der Planung  unseres Verhaltens einbezogen ist. Ein Verfall dieses Areals hat einen dauerhaften Verlust der Kontrolle über Verhalten zur Folge.“ (de Vries 2008).

Der Verfall des präfrontalen Kortex ist eine ernsthafte Beeinträchtigung, die bei Menschen mit bestimmten Hirntumoren oder Gehirnverletzungen studiert werden kann. Aber verursacht ein anhaltender Drogenkonsum „Verfall“ des präfrontalen Kortex? Kein Neurologe war jemals in der Lage auf einen Gehirnscan zu schauen und einen Verfall des präfrontalen Kortex aufgrund von Drogengebrauchs zu diagnostizieren.

Was genau bedeutet überhaupt Kontrolle über Verhalten? Kontrollieren wir unser Verhalten wenn wir uns mit dem Hammer auf den Finger schlagen und fluchen? Kontrolliert unser präfrontaler Kortex unser Verhalten, wenn wir die Wahl treffen, in dem Land zu leben, in dem wir geboren wurden? [10] Oder wenn wir der Religion im Glauben treu bleiben, mit welcher wir aufgewachsen sind? Kontrollieren wir unser Verhalten, wenn wir unseren Ambitionen folgen und entscheiden ein kurzes Frühstück zu nehmen und danach zur Arbeit zu gehen? In welchen großartigen Momenten unserer hyper-ritualisierten Leben kontrollieren wir unser Verhalten und wie erkennen wir solche Kontrolle? Sofern wir nicht mit einer rigorosen und unmißverständlichen Definition von „Kontrolle“ aufwarten können, kann ein Wissenschaftler wie De Vries nicht mit einer neurologischen Expertise begründen, dass Menschen die wiederholt und häufig die Effekte von Drogenkonsum erfahren haben sogenannte Abhängige sind, die einen „permanenten“  Verlust von Kontrolle aufweisen.

Ich sprach ihn an und regte an, dies zu bedenken und schlug ihm andere Erklärungen für süchtiges Verhalten vor (siehe Cohen 1992). Es ist möglich selbst das devianteste Suchtverhalten zu verstehen, ohne das Konzept der Kontrolle hierin einzubeziehen. Aber er emailte: „Ich sprach wiederholt mit Suchtmedizinern und anderen Suchtexperten. Sie bestätigten Ihre Sichtweise nicht.“ [11] Eines der Probleme bei der Abhängigkeit ist, dass diejenigen die sie erforschen sollen den Anschein erwecken, als wüssten sie alles darüber, manchmal auch durch Hörensagen. Ist abhängig sein aber wirklich etwas anderes als lediglich der fehlende Wille, das eigene Verhalten zu ändern? Veränderungen trotz negativer Konsequenzen zu widerstehen ist ein derart zentrales Element des alltäglichen Lebens, dass dann, wenn man den entsprechenden englischen Begriffskomplex „resistance to change“ bei google.com eingibt 532.000 Resultate angegeben werden, die von der wissenschaftlichen bis zur populären Literatur reichen. „Widerstand gegen Veränderungen“ wird nicht sehr oft als Verlust von Kontrolle gelesen, aber im Falle von Abhängigkeit geschieht dies so. Der Schlüssel liegt in Worten wie „unkontrollierbar“ und „zwanghaft“, aber wie gesagt, wir mögen eine sehr selektive Sichtweise haben für jene Situation, bei denen wir die Existenz von Kontrolle annehmen und bei denen wir dies nicht tun.

Zum Ende dieser Diskussion neurologischer Ansätze von „Abhängigkeit“ werde ich mich kurz mit der Arbeit von zwei Psychologen beschäftigen, die wichtig für die Neuro-Konstruktionen im Feld der Abhängigkeit sind, ähnlich wie auch Michael Bozarth oder Roy Wise. Ich spreche hier von Terry Robinson und Kent Berridge die im Jahr 1993 einen 45 Seiten langen Artikel über die neurale Basis der Gier („Craving“) nach Drogen veröffentlicht haben, der ergänzt ist um eine Übersicht über Abhängigkeitstheorien. Diesem Artikel folgten breite Versuche einer Bearbeitung des Konzeptes der incentiven Salienz („incentive salience“) und dessen neuraler Basis in einem 60seitigen Aufsatz im Jahr 1998 und einem 27seitigen Aufsatz im Jahr 2000. Robinson und Berridge benutzen keine Techniken wie PET und fMRI, aber sie sind Schlüsselfiguren in der Erweiterung der Sprache neurologischer Prozesse und in der Debatte darüber, was Abhängigkeit ist. Diese Sprache wird in den späteren Anwendungen von Scanning-Techniken benutzt um auszudrücken, was gefunden wurde oder gefunden werden sollte.

Die weitreichende Hypothese von Robinson und Berridge (1993) ist, dass das Gehirn durch den Drogenkonsum in einer solchen Weise beeinträchtigt wird, dass das neurale System, welches für das „Verlangen“ nach Drogen verantwortlich ist, hyper-empfindlich gemacht wird und dadurch eine kritisch ansteigende Salienz nach drogenbezogenen Stimulationen hervorruft. Salienz steigt in einem solchen Grad an, dass hieraus Abhängigkeit folgt, ein Verhalten, dass nicht einmal Süchtige selbst verstehen. Die Autoren arbeiten mit einer Sichtweise auf Abhängigkeit, die von der Existenz einer Bedingung ausgeht, welche die normalerweise bestehende „Abschreckung“ aufhebt. Tatsächlich versuchen sie einer Reihe von auf der Neurologie basierten Hypothesen aufzubieten, die verstehbar machen, warum Menschen, die „abhängig“ sind ein Verhalten fortsetzen, das die meisten Menschen als widersinnig oder zerstörerisch ansehen, und sie unempfänglich sind für das was uns (normale) Menschen zum Aufhören veranlassen würde. Wesentlich für ihre Sichtweise auf einige Abhängigkeitsformen ist, dass diese „obsessiv“ definiert werden als zwanghaftes, „stereotypisches, sich wiederholendes Verhalten“ (ebd. S. 276), bar jeder rationalen Motivation. „'Verlangen' wandelt sich zu einer obsessiven Gier und dies ist als zwanghaftes Suchen nach und Nehmen von Drogen offensichtlich verhaltensbedingt. Deshalb sind aus dieser Sicht die Gier nach Drogen und abhängiges Verhalten besonders bedingt durch eine Sensibilisierung im Sinne der incentiven Salienz.“ (ebd. S. 249).

Diese Autoren kehren mit ihren Artikel zurück zu Sichtweisen über drogenabhängiges Verhalten, bei denen eine rationale, verständliche und konstruktive Motivation für fortgesetzten Drogengebrauch schlicht nicht existent ist. Sie werfen eine große Zahl von Referenzen ein, (überwiegend) solche über Tierexperimente, in welchen bestimmte Hirnareale studiert werden. Für ihren Begriff der „Gier“ sind Tierexperimente unmöglich, obwohl sie auch dort die Irrationalität von süchtigem Verhalten postulieren. „Gier ist obsessiv, irrational, pathologisch intensives „Verlangen“ nach Drogen ohne einen einleuchtenden Grund, was zu einem zwanghaften Verhalten der Drogensuche und des Drogennehmens führt“ (Robinson/ Berridge 1993, 272). Die verzweifelte Sehnsucht nach jemandem, den man vermisst, nach Freiheit, oder nach einem Urlaub und die neurologischen Gewöhnungen (Sensibilisierungen) die sie hervorrufen werden von Berridge und Robinson nicht diskutiert, was schade ist. Sofern nicht auch solcherart verzweifelte Gier verstanden wird, gibt es keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass diese irgendwie anders gelagert ist als das Verlangen nach einer Droge, ausgenommen in ihren rechtlichen Konsequenzen. „Der Ansatz der incentiven Sensibilisierung auf die Sucht schlägt vor, dass um Abhängigkeit wirklich zu „heilen“, Sucht-Agenten entwickelt werden müssen, die direkt auf die den Neuro-Adaptionen zugrunde liegende Sensibilisierung abzielen und diese umkehren.“ (ebd. S. 271). Bei der Suche nach Beweisen für diese Adaptionen werden fMRI- und PET-Techniken eine zunehmende Rolle spielen.

Ungeachtet des Umstandes, dass sich Berridge und Robinson ausnahmsweise – und bravurös – klar über die hypothetische Natur ihrer Erklärungen und die mögliche neurale Basis von „Abhängigkeit“ sind, stellen sie sich nicht dem Problem, nicht das Abhängigskeitsverhalten an sich studiert zu haben. Dies bedeutet, dass ihr Bemühen plausible Erklärungen zu finden, hauptsächlich innerhalb konventioneller überlieferter Vorstellungen davon stattfindet, was Abhängigkeitsverhalten ist und welche Abhängigkeitstheorien es gibt. Sie scheinen nicht offen zu sein für eine Sichtweise, nach der Abhängigkeit auch ein normales Geschehen sein kann (eine starke Bindung, die nicht einfach so durchbrochen und nicht aufgegeben werden kann, selbst wenn einzelne Konsequenzen negativ sind). Wie auch immer, in der 2000er Version ihrer theoretischen Arbeit verkomplizieren sie ihre Sichtweise erheblich und ergänzen ihre Hypothesen um umfangreiche wichtige Erweiterungen. Möglicherweise die weitreichendste von diesen ist ihre Sichtweise, dass Sensibilisierung kontextabhängig ist.

Sensibilisierung „ist kein einfaches pharmakologisches Phänomen, sondern beides, Ausdruck und Induktion von Sensibilisierung kann nachhaltig durch nicht-pharmakologische Faktoren reguliert werden, einschließlich umweltabhängiger (und mutmaßlich psychologischer) Faktoren verbunden mit Drogenadministration.“ (Robinson/ Berridge 2000). Der Unterschied zwischen einer Sensibilisierung, die bei Menschen (als ein Effekt des Lernens) stattfindet und einer durch Drogen hervorgerufenen Sensibilisierung mag deutlich geringer sein, als sie früher erwartet hatten. Wissenschaftler wie Berridge und Robinson, die weit damit gehen, ganze Reihen von alternativen Hypothesen innerhalb von auf Sensibilisierung basierenden Sichtweisen von „Abhängigkeits“ -Verhalten vorzuschlagen, mögen auch diejenigen sein, die verschiedene Sichtweisen auf die Abhängigkeit selbst einführen.
In ihrem letzten Artikel (2000) haben sie ausführlich gezeigt warum es unwahrscheinlich ist, dass pharmakologische Ansätze der Suchtbehandlung Erfolg haben. Folgt und testet man neurologische Übersetzungen der Abhängigkeitssprache und geht weit genug um herauszufinden, dass sie nirgendwo hin führen, dann können wir uns vorstellen dass eine solche Neurologie den Niedergang von konventioneller Abhängigkeitsheorie ermöglicht!

Neurologie verwenden um Erklärungen zu finden, die bereits bestehen

In diesem Teil meiner Kritik an neurologischen Erklärungen für Abhängigkeit werde ich herausstellen, auf welche Weise diese Erklärungsansätze produziert werden, indem ich einige moderne Autoren dieses Themas untersuche.

Melissa Littlefield (2009) diskutiert fMRI- und PET-Techniken, die dazu verwendet werden, „Wahrheits-“Tests zu entwickeln. Durchgeführt werden diese an Menschen, die im Zuge strafrechtlicher Ermittlungen arrestiert sind. Ihre Untersuchung von praxisbezogenen Theorien des Gehirns hat nicht „Abhängigkeit“ als Ausgangspunkt, sondern „Täuschung“. Ihre detaillierte Erforschung in den Methoden, darauf ausgerichtet Schlussfolgerungen darüber zu gewinnen, wie fMRI über das Verhalten des Gefangenen informiert, ist erhellend und nützlich für einen Ansatz über Theorien des Gehirns, die Raum eröffnen für eine Betrachtung über die Beziehung zwischen solchen Theorien und ihren Anwendungen. „Weit entfernt davon, das Gehirn und seine Funktionen zu beschreiben, produzieren fMRI und Gehirn-Fingerabdrücke Modelle des Gehirns, die soziale Vorstellungen von Täuschung, Wahrheit und Devianz verstärken.“ (Littlefield 2009, S. 1). Und, so sagt sie weiter: „Ergänzend hierzu als eine biologische Wende der kognitiven Wissenschaften, nutzen die Befürworter gehirnbasierender Entdeckungen Argumente über die Natur, um kulturelle Normen zu stützen und zu rechtfertigen. Weit entfernt von Beschreibungen des Gehirns und seiner Funktionen, sind die Protokolle von und Annahmen über fMRI und Gehirn-Fingerabdruck selbst Produkte, produzieren aber auch Modelle, die zur Wiedereinführung und Verstärkung von Verbindungen zwischen Biologie, Devianz und Täuschung führen.“ (ebd. S. 20)

Um dies noch einmal in meinen eigenen Worten zu formulieren: Wissenschaftler, die mit Techniken zur Messung von Gehirnaktivität arbeiten, wenden Theorien über die Funktionalität oder über Prozesse des Gehirns an, die von ihrem jeweiligen Standpunkt abhängig sind. Das Gehirn ist so kompliziert und seine Elemente stehen so immens in wechselseitiger Beziehung zueinander auf vielgestaltigen Wegen, dass die Wissenschaftler, die mit dem Gehirn arbeiten hilflos sind, ES SEI DENN, sie machen Annahmen über die Gehirnstruktur und Hypothesen über die Beziehung zwischen Elementen des Gehirns und wahrgenommener Funktionsweise. Der nächste Schritt besteht darin, Hypothesen über solche Funktionsweisen und Verhalten zu machen, ein neues Spiel und eine neue Runde. Werden Gehirn-Bildgebungsverfahren erst einmal dazu verwendet, zu bestimmten Schlussfolgerungen über menschliches Verhalten zu kommen und nicht bloß über die Komplexität des Gehirns per se Auskunft zu geben, so werden kulturell basierte Modelle den Weg vorgeben, wie wir Verbindungen zwischen Gehirnaktivität und Verhalten herstellen. Wenn ich bedenke, dass kraftvolle emotionale Bindungen aus Identifikationen resultieren, wie dies allgemein in der Psychoanalyse gesehen wird, so möchte ich den Prozess der „Identifikation“ im Gehirn anschauen, d.h. neurale Prozesse suchen, die hier Identifikation repräsentieren.

„Gehirne sind keine natürliche Objekte die außerhalb ihrer kulturellen – und wissenschaftlichen – Konstruktion existieren.“ (Littlefield 2009, S. 13) sagt Littlefield. Dies ist, was ich auch betone, unausweichlich. Daher sollten Verhaltensneurologen an erster Stelle Verhalten studieren. Haben ihre Hypothesen über Verhalten einmal einen bestimmten Beweiswert erlangt, wird es nützlich sein, nach der Interaktion zwischen menschlichem Verhalten in einer Reihe von sozialen Kontexten und dem adaptiven Gehirn zu schauen. Verhaltens-Neurowissenschaft kann nicht von höherer Relevanz sein als das konzeptuelle Modell des Verhaltens auf dem sie einerseits basiert und als die Strenge in welcher solche Modelle getestet sind andererseits [12].

In ihrer Erörterung über die neurale Basis von „Täuschung“ notiert Littlefield: „In der Evolutionsbiologie zum Beispiel wird das Gehirn als ein Stück Hardware charakterisiert, dessen primäre Funktion darin besteht, Adaptionsdilemmas zum Zwecke des Überlebens zu lösen. Ausweislich dieses Bereiches mag Täuschung sehr wohl ein positiver, adaptiver Wesenszug sein, nicht einfach nur eine physiologisch verheerende Aktivität“ (ebd. S. 15) Dasselbe kann auch von „Abhängigkeit“ gesagt werden von, d.h. dass diese eine Form von Adaption ist, die das menschliche Wesen auf einem bestimmten Weg unterstützt. Anstelle als pathologisch oder abnormal wahrgenommen zu werden, kann jede Abhängigkeit auch als gerechtfertigt gesehen werden, so lange dies der erfolgreichen psychologischen oder existentiellen Adaption dient [13].
Die Einschätzung, was „erfolgreich“ bedeutet, unterliegt einer sozialen und ideologischen Verzerrung und Wissenschaftler sollten hierauf nicht bestehen, es sei denn mit der höchsten möglichen Sorgfalt. Wie Canguilhem (2007, S. 91) beobachtet:

„Keine Anomalie oder Mutation ist in sich selbst pathologisch. Sie drückt aus, dass andere Normen des Lebens möglich sind.“ Es lässt sich begründen, dass Abhängigkeit weit entfernt davon ist, eine „Anomalie“ zu sein, da die Vorstellung von Abhängigkeit zugleich eine große Zahl von Bindungen mit umfasst, die nicht als pathologisch gesehen werden. Aber selbst dann, wenn Abhängigkeit als eine Anomalie und als „selten“ anzusehen wäre, so könnten wir eine Sichtweise entwickeln, nach der es einfach „eine andere Norm von Leben“ ist.

Für diese Diskussion ist es sinnvoll zu verstehen, dass Techniken der magnetischen Resonanz in einigen Anwendungsbereichen Bilder produzieren können, die mit dem verglichen werden müssen, was bekannt ist, um so verständliche Information zu erlangen. Prassads detaillierte Beschreibung darüber, wie Radiologen auf MRI Scans schauen zeigt nicht nur, dass hier Training wichtig ist sondern ebenso die Kenntnis bekannter Atlasse der menschlichen Physiologie. Computer unterstützte medizinische Visualisierung „ist auch weiterhin abhängig von anderen Visualisierungstechnologien und diagnostischen Eingaben in feststehender biologischer Realität und nachgewiesener Pathologie“ (Prassad 2005) Dies bedeutet, dass dann, wenn MRI Techniken auf dem Gebiet der allgemeinen Medizin angewendet werden, hierzu ein ausgedehntes und vorexistierendes Wissen von menschlicher Anatomie und Patho-Physiologie bereits ein Teil „des medizinischen Gewebes“ ist. Vorher vorhandene Kenntnisse machen es möglich zu wissen wohin wir unsere Kenntnisse ausdehnen. Aber wenn MRI in einem Feld angewendet wird, wo Anatomie sich entwickelt, zugleich mit Hypothesen über Verhalten, über synaptische Aktivitäten und neurale Interaktionen, ist ein weiter Raum für Interpretation eröffnet und, wie wir gesehen haben, weniger beschränkt durch Methoden, die Fehler Ausfiltern könnten. Selbstverständlich werden Scan-Techniken in der Gehirnforschung weiter entwickelt werden. Aber die Anwendung setzt eine intensivere Art von Vorsicht voraus, um post hoc Konstruktionen zu vermeiden. Dies in erster Linie dann, wenn die  Anwendung gebunden ist an (möglicherweise unausgereifte) Schlussfolgerungen darüber, was Menschen „krank“macht und was nicht.

Als eine letzte Illustration der Rolle, die konventionelle Modelle in der Neurologie spielen, möchte ich eine komplexe aber aufschlussreiche Schlussfolgerung von Christian Hubers detailliertem Bericht über Neurobildgebung anführen: „Nimmt man die Methodologie des fMRI als ein Beispiel, so haben wir gezeigt, dass das 'Neurobild' (eine farb-codierte statistische Karte, die aufgesetzt ist auf einen anatomischen Gehirnscan) eine indirekte Messung des interessierenden Objekts ist, und dass die naive Annahme von Direktheit und Objektivität zurückgewiesen werden muss.“ (Huber 2009). Huber ist der Meinung, wie ich es auch bin, dass Neuro-Bildgebung sich in einem Dialog befinden muss mit Psychologie und Philosophie, und dass die Einbeziehung dieser Wissenschaften in der Neurologie nicht unabhängig sein kann von den jeweiligen Theorien. Die meisten Neurologen können dem zustimmen, aber es fehlt ihnen beinahe immer an Klarheit darüber, ob solch ein Dialog in ihrer Arbeit integriert ist oder ob er abwesend ist, wo er gegenwärtig sein sollte.
In den Beispielen die ich von neurologischen Erklärungen von „Abhängigkeit“ gegeben habe, ist unsere allgemeine kulturelle Theorie über Abhängigkeit eingebettet als eine Tatsache und nicht als  ausdrücklicher Import der verteidigt werden muss.

Diskussion

Im Feld der Abhängigkeit kenne ich keinen Neurowissenschaftler, der interessiert an „Abhängigen“ wäre. Sie sind interessiert am Gehirn und soweit sie das Gehirn und Gehirngewebe untersuchen, studieren sie Mäuse und Ratten. Was Laborratten zu tun bereit sind um sich unter verschiedenen Umständen Drogen zu beschaffen wird als valide Information über „Abhängigkeit“ und menschliche Gehirne genommen.

Die enorme Distanz zum menschlichen Subjekt, die jener Neurologen haben, die „abhängiges“ Verhalten studieren und ihre noch größere Distanz zu Befunden über wissenschaftliche Entdeckungen über menschliche Bindungen, macht die Fähigkeit neurologischer Techniken, unser Wissen über menschliches Bindungsverhalten weiterzuentwickeln hochgradig fragwürdig. Es sicher unverantwortlich zu vertreten, dass „Abhängigkeit“ eine Erkrankung des Gehirns ist, stellt man dafür auf dem gegenwärtigen Stand neurologischen Wissens und die zugrunde liegenden Theorien und Techniken ab. Es ist vielmehr wahrscheinlich, dass Abhängigkeit  eine normale menschliche Bindung an ein Objekt ist, trotz aller damit verbundenen negativen sozialen und kulturellen Bewertungen.

Wir scheinen inmitten einer Wissenschaft (Neurologie), die dann, wenn sie auf „Abhängigkeit“ angewandt wird, ein zentrales Stück einer Ideologie von moderner menschlicher Autonomie ist. Empirische oder philosophische Annahmen über die Existenz einer „wahren“ Autonomie von Menschen sind fundamental für unser theoretisches Konstrukt der „Abhängigkeit“. Aber wir behandeln diese Visionen nicht als die ungesehenen Fundamente unseres Ausgangspunkt des Verhaltens. Neurologen arbeiten mit ihnen genauso wie jeder andere in den Straßen der Moderne und ihre allgemeinen gesellschaftlichen Sicherheiten über „Abhängigkeit“ verdienen genauer Prüfung.

Ihre Annahmen sind dogmatisch und von theologischer Natur, ebenso wie die frühere christliche Annahme der „Erbsünde“, die den Menschen am Gut-sein hinderte und dafür sorgte, dass der Mensch einen Priester brauchte um ihm zu helfen, seine Seele zu retten. Die Konstruktion einer  modernen Kosmologie der „autonomen“ Entscheidung, wie sie von der Neurologie unterstützt wird,   ist eher eine religiöse als eine wissenschaftliche Betätigung. Es sorgt dafür, dass die Menschen einen Suchtmediziner brauchen der ihnen hilft, autonom zu sein. An diesem Punkt spiegelt es eher  die Konstruktion einer Kosmologie von Erde und Sonne in den Tagen von Galileo wieder, basierend auf biblischer Astronomie (Cohen 2000). Aber wenn die Bibel sich über die Astronomie irrt, sind päpstliche Astronomen in Schwierigkeiten. Wenn das Postulat der modernen menschlichen Autonomie falsch ist, sind Suchtmediziner in Schwierigkeiten.

Mein Vorschlag besteht darin, Sucht nicht anders zu sehen, als jede andere menschliche Bindung an Objekte oder Verhalten, damit aufzuhören eine Kategorie von devianten Bindungen zu kreieren und diese nicht länger zu pathologisieren. Stattdessen können wir unsere Interaktion mit diesen Bindungen, die nun Abhängigkeiten genannt werden, verändern und mit ihnen umgehen, wie wir mit „normalen“ Bindungen, Ängsten oder Phobien umgehen. Wir lassen sie in Ruhe, es sei denn die Person selbst wünscht eine Einmischung. Wenn meine Großmutter eine tiefe und „irrationale“ Angst vor Fahrstühlen hat und es vorzieht, diese nicht zu benutzen, selbst wenn dies bedeutet, dass sie nicht zum Postamt gehen kann, wird dennoch keine Person und kein Gesetz sie unter Druck setzen, eine „Behandlung“ für diese Phobie aufzusuchen. Eine Phobie ist solange in das Leben integriert, bis sie schädlich wird und die Person  versuchen will, sich davon zu befreien. Eine starke Bindung, eine Abhängigkeit, kann ebenso gut in Ruhe gelassen werden, bis die betreffende Person sich selbst eine Veränderung wünscht. Und dann, wenn eine solche Veränderung schwierig ist, weil die Bindung sich wie eine Kette anfühlt, die jemanden gefangen hält, besteht das logische Mittel, nach dem zu fragen ist, in einer frei gewählten Unterstützung .

Wie auch immer, der Unterschied, den wir gegenwärtig zwischen Bindungen im Allgemeinen und Abhängigkeiten im Besonderen konstruieren ist eine kulturelle Konstruktion. Auch die Unterstützung dieser Konstruktion durch neue Techniken in den Neurowissenschaften lässt dies nicht weniger so sein.

Noten

  1. Übersetzung aus dem Englischen: Dr. Kai Bammann, Zeven, kbammann@t-online.de
  2. „Relativ zu jeder anderen Form, von der es sich abgrenzt, ist dieses Lebewesen normal, auch wenn es relativ selten ist.“
  3. Der Verfasser dankt Nick Grahame (Indianapolis), Grazia Zuffa (Florenz), Chip Huisman, Job Arnold, Erik van Ree, Erik Wolters (Amsterdam), Axel Klein (Canterbury) und Eliot Albers (London) für ihre Einblicknahme und ihre Kommentare.
  4. Die Interviews fanden statt im September 2008 als Vorbereitung für eine Publikation über 30 Jahre Drogenpolitik in der Stadt Amsterdam. 
  5. Die Arbeitsgruppe über stoffgebundene Störungen der American Psychiatric Association, die aktuell DSM-V vorbereitet berät darüber, eine neue Kategorie der „nicht-stoffgebundenen Abhängigkeiten“ (d.h. Internetspiele, Essen, Kaufen, sexuelle Aktivitäten) aufzunehmen; Nov. 2008, APA, hierzu die website der APA über die Aktivitäten im Zusammenhang mit der Revision des DSM.
  6. So homosexuelle Bindungen, die mittlerweile nicht mehr als psychiatrisches Symptom einer (entwicklungsbedingten) Störung verstanden werden.
  7. Anonymus, auf einer US-website 2008: „Ich weiß, dass Pferde mich persönlich verändert haben, zu mir flüsterten, mich Dinge lehrten jenseits dessen, was ein Mensch mich in derselben Zeit hätte lehren können und sie hatten unendlich mehr Geduld dabei. Ihre Kraft ist meine Stärke; ihr Kampf ist für mich wie Fliegen. Ihr Anrennen gegen den Wind ist die Freiheit in meinem eigenen wilden Geist. Ich wurde „eins“ mit diesen wundervollen Kreaturen und es gibt keinen anderen Platz auf Erden mit Ausnahme der Arme meines Ehemannes ,an dem ich mich so wohl fühle und solche Freude empfinde wie im Sattel, auf einem langen Ritt, in Bindung mit meinem Pferd fühle ich das Wunder der Nähe und die Natur um uns herum. Das ist ein Geschenk, gegeben, empfangen, geteilt, alles zusammen, zwischen Reiter und Pferd, das Schriftsteller aller Genres bis zum heutigen Tag unerklärlich gefunden haben. Aber es ist ein bekannter Fakt dass diese Einheit zwischen einem Mädchen und ihrem Pferd so unzerbrechlich ist wie jede Liebe, die davor kam oder danach folgen wird.“
    http://www.writing.com/main/view_item/item_id/1370587
  8. Oftmals wird die starke Bindung, die z.B. das Spielen einer Violine mit sich bringt nicht auf eine bewusste Weise wahrgenommen, da die Bindung nicht bedroht ist. Menschen, die ohne die Bindung an ihren Job physisch und psychisch abbauen, lernen dies über sich selbst nur dann, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren.
  9. Ich bezweifele, dass Menschen jemals dem Gefühl entkommen können, irgendwann einmal in einer Bindung gefangen zu sein. Das Gefühl unfreiwilliger Verbindung ist stark, wenn die Verbindung eine Last wird, d.h. wenn es mit einer Vorstellung von „Gesundheit“ kollidiert. Unsere Gesellschaft erkennt oft nicht die Mühsal, die es bereitet eine Bindung zu brechen, bis dies unsere vermeintliche „Autonomie“ verletzt.
  10. Ein niederländischer Dokumentarfilmer interviewte eine Frau in Tschernobyl, Ukraine, die zu ihrem Bauernhof und zu ihrem Lebensstil zurückkehrte, trotz ernsthafter Gefahren durch radioaktive Strahlung. Ihr Engagement für ihren Lebensbereich war sehr viel stärker als ihre Furcht vor negativen Konsequenzen, die mit der Rückkehr verbunden war.
  11. Persönliche Kommunikation, 20. Nov. 2008.
  12. Ein aktueller britischer Bericht (Horn 2008), der Gehirnforschung und Abhängigkeit diskutiert schlägt zehn Areale für weitere neurologische Forschungen vor, wobei keiner davon etwas mit der Nachforschung über die Relevanz existierender Theorien der Abhängigkeit oder die Strenge wissenschaftlicher Nachweisbarkeit der Verhaltensforschung bei Abhängigkeit zu tun hat (ebd. S. 61).
  13. Bruce Alexander definiert Abhängigkeit als niemals erfolgreich, da es ein „Ersatz-Lebensstil“ ist, der andere Formen von Bindungen ersetzt, die unter den sozialen Bedingungen eines Mangels an Integration eingegangen werden (Alexander 2001 und 2008)  Aber was würde passieren, wenn wir uns von der Sichtweise distanzieren würden, dass Abhängigkeit ein „Ersatz“ ist und es stattdessen als „richtig“ ansehen würden? Würden wir nicht den gleichen Weg gehen, den wir gegangen sind bei der Normalisierung von Homosexualität oder unehelicher Mutterschaft? Wenn Menschen sich dafür entscheiden, dem Lebensstil einer klassischen Drogen“abhängigkeit“ zu folgen, was würde passieren, wenn wir aufhören würden solche Lebensstile zu kriminalisieren und ihnen stattdessen den Raum geben würden, um den sie bitten, in derselben Art und Weise wie wir Menschen erlauben, ihr Leben dem Schachspiel zu widmen?
  14. Wir sollten niemals vergessen, dass der Wunsch einer Bindung zu entkommen eindeutige soziale Grundlagen haben kann. D.h. einige Bindungen an bestimmte Drogen oder bestimmte sexuelle Objekte bringen solche verheerenden sozialen Konsequenzen mit sich, dass Menschen, die ein solches Verlangen verspüren sich dazu veranlasst sehen, sich hiervon zu lösen.

Literaturverzeichnis

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Robinson, Terry / Berridge, Kent (2000) “The psychology and neurobiology of addiction: an incentive–sensitization view” Addiction (2000) 95 (Supplement 2) S 91-117.

Comments

I've really tried to look at your point of view and see if I can find any areas where I can agree with you about addiction. I know from the point of view of an ex-addict (me) that what I experienced was drive, against my will, with a huge cost to my life and certainly not anything to do with bonding.
I do agree that it's not solely a brain disease (Nolkov) and that it is treatable and that the current treatments are pretty useless. But addiction, after an initial period of voluntary indulgence (often
innocently done) is absolutely NOTHING to do with choice.
Sue

Last update: August 9, 2016